Erkundung von Hami nach Urumqi für die Tour MYTHOS SEIDENSTRASSE
Die Erfahrungen der letzten Etappe lassen mich nachdenken. Mein Superman-Kostüm habe ich zu Hause gelassen, dann sollte ich es etwas ruhiger angehen lassen. Also keine zwei Touretappe in einem Tag radeln!
Was eine unmittelbare Konsequenz für den heutigen Tag hat: In einem Anflug von Größenwahn lautete mein Plan für heute: 120 Kilometer bis zum geplanten Etappenziel Xialaoba, der einzige Ort auf der Tour, für den nicht sicher ist, ob es eine Übernachtungsmöglichkeit gibt, und falls es keine gibt, weiterradeln. Also noch einmal 120 Kilometer. Was für ein Schwachsinn, denke ich mir, und organisiere für die erste Etappe nach Xialaoba einen Transport. Im Nachhinein gesehen, hätte ich es andersrum machen sollen: Radeln bis Xialaoba und dann Transport. Die Strecke war schon vor 20 Jahren spektakulär mit dem Kontrast von hohen Bergen und zerklüfteten Schluchten, heute kommt noch eine massive Begrünung hinzu, Felder, Bauerhöfe und kleine Ortschaften, die beim letzten Mal noch nicht existierten. Wirklich erstaunlich, was sich hier in den letzten Jahrzehnten getan hat. Xiaolaoba ist zwar gewachsen, ist aber weiterhin eine gottverlassene Einöde. Und der einfache Homestay, den wir in den 2010er-Jahren gebucht haben, existiert auch nicht mehr. Die Gruppe nächstes Jahr wird also bis Xiaolaoba radeln, die Räder dort unterstellen, mit dem Begleitbus zurück nach Barkol, dort ein weiteres Mal übernachten und am nächsten Morgen nach Transfer in Xialaoba starten. Klingt komplizierter als es ist, in Tibet machen wir das bei zwei Etappen auch so.
Aber ich bin ja schon in Xialaoba. Es ist später Mittag und ich schwinge mich aufs Rad. Tendenziell bergab sagt mir Komoot. Und schön wellig! Das wäre alles gut und schön, wenn es nicht 43 Grad hätte und mir ein ebenso heißer Wind in Orkanstärke ins Gesicht bliese. Ich weiß schon, warum ich die Seidenstraßen-Tour in den Frühling gelegt habe, da herrschen hier angenehme Temperaturen um die 20 Grad und die Temperaturunterschiede zwischen den Höhenlagen sind nicht so hoch, sprich: weniger Wind. Aber mein jüngeres Ich flüstert mir bei der Erkundungsplanung ein: Hab Dich nicht so, wird schon werden. Als Dörrhäring komme ich um 20 Uhr in Mulei (Mori) an und habe sogar noch Restakku (6 Prozent). Die Strecke zwischen Xialaoba ist etwas für Puristen: 50 Variationen von Braun, mit ein paar grünen Einsprengseln, zuweilen grasen Kamele, Ziegen oder Kühe am Wegesrand, was aber auch keine andere Farbe ins Spiel bringt. Am Horizont die Schemen des östlichen Himmelsgebirges und eine Straße, die keine zehn Meter grade oder eben geht, der natürlichen Topografie folgend. Nur zwischendrin geht es einmal zehn Kilometer schnurgerade bergab, was ich sehr genieße, bis mir der Wind meine heißgeliebte Lange-Marsch-Kappe vom Kopf reißt. Ich finde sie nach langem Suchen 100 Meter entfernt in der Böschung. Noch mal gutgegangen!
„Siehst Du, geht doch!“, sagt mein jüngeres Ich. „Halt die Klappe!“, antwortet der 57 Jahre alte weiße Mann.



