Spritztour mit Muzat

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Erkundung Seidenstraße

Heute sind es nur entspannte 56 Kilometer, das tut auch mal gut. Die Landschaft ist schön, aber wenig spektakulär. Der göttliche Bildhauer macht mal eine Pause!

Pappeln, das wäre eigentlich das Thema des Blogs gewesen, weil der Großteil der Strecke durch teilweise neu gepflanzte, teilweise aber auch monumentale Pappelalleen führt. „Unter Pappeln“, den Titel hatte ich mir schon ausgedacht, als ich Mitte der Etappe Muzat traf, einen 16-jährigen Uigurischen Gymnasiasten, der mich, ihm entgegenkommend, sieht,  in die Eisen geht und mir ein „This is so cool!“ entgegenruft, auf Englisch, ok, eher Amerikanisch, das ist der Akzent. Wir quatschen ein wenig, machen ein Selfie und verabreden uns für den nächsten Morgen, ein Stück zusammen zu fahren. Er ist absoluter Radenthusiast, seine Freunde sind ihm zu lahm auf dem Rad bei den gemeinsamen Ausfahrten, da kommt ihm ein alter weißer Mann auf einem E-Bike gerade recht.

Er radelt dann weiter zu den Kizil-Grotten, die er noch nicht kennt, und ich radle gemütlich weiter durch Pappelalleen nach Baicheng, Muzats Heimatstadt.

Dort checke ich in einem der bisher besten Hotels der Reise ein, gehe auf mein Zimmer und gönne mir erst einmal einen späten Mittagsschlaf. Nach vier Stunden reißt mich das Telefon aus meinen wilden Träumen, die Rezeption ist dran, die Polizei möchte mich sprechen.

Ich springe auf, schaufel mir kaltes Wasser ins Gesicht, und dann sind sie schon da und klingeln an der Tür. Zwei Polizisten, ein etwas 40-jähriger Chinese mit Pfannkuchengesicht, und eine ähnlich alte Chinesin, Typ übereifrig. Dazu noch eine Managerin des Hotels und ein ziemlich junger Schnösel in Zivil, der sofort anfängt alles zu filmen. Er wähnt sich unbemerkt, als er sein IPhone hinter meinem Rücken auf das „Verhör“ hält. Ich stauche ihn erst einmal zusammen, dass nach Gesetzeslage auch in China im privaten Raum erst einmal gefragt werden muss, ob gefilmt werden darf. Die beiden Polizisten stimmen mir zu und entschuldigen sich, das IPhone verschwindet in der Schnöseltasche.

Dann beginnt ein Gespräch, in dem die Polizisten glücklicherweise schon in der Defensive sind. „Es geht nur um Deine Sicherheit!“, wird mir versichert. „Wie können wir Dir denn helfen?“

Steilvorlage! Gestern hatte ich die Route für morgen noch auf Gaode-Maps gecheckt, diese führt über die Nationalstraße 579, kein Problem für Radfahrer. Beim Re-Check heute zeigt mir die App ein „für Radfahrer verboten“ für die 579. Nicht zum ersten Mal auf der Reise verfluche ich Air Astana für den Flugausfall!

„Ihr könnt mir tatsächlich helfen“, sage ich. „Die Nationalstraße 579 scheint für Radfahrer gesperrt, das ist für mich aber ungünstig, weil das bedeutet 60 Kilometer Umweg.“

Die Polzistin nimmt sofort ihr Mobiltelefon und ruft bei der Verkehrspolizei an. Der Mann auf der Gegenseite spricht laut genug, dass ich die Antwort mitkriege. „Ja, normalerweise, seit gestern, weil die Straße jetzt offiziell fertiggestellt ist, aber für Langstreckenradler drücken wir ein Auge zu. Wir werden den ausländische Freund dann mit einer Streife begleiten.“

Das klingt gut, ich bedanke mich und die Polizei hat auch ihre Schuldigkeit getan, verabschiedet sich  und wünscht mir eine gute Weiterreise.

Am nächsten Morgen wartet Muzat an der Stadtausfahrt auf mich, wir unterhalten uns lebhaft über sein Leben, die Uiguren, die Chinesen und die Situation in Xinjiang. Details schreibe ich jetzt nicht, erzähle sie aber gerne auf der Tour, und eventuell, und davon bin ich eigentlich inzwischen überzeugt, werde ich ein Seidenstraßenbuch schreibe, da gibt es die ganze Geschichte.

Nach fast 50 Kilometer angeregter Fahrt verabschieden wir uns, ich radle auf die autobahnähnlich ausgebaute Nationalstraße und lasse rollen. Flüsterasphalt, kaum Verkehr, und es geht bergab.

Und weil es so gut rollt, fahre ich gleich weiter nach Aksu. Es sind dann heute 170 Kilometer, aber es hat Spaß gemacht. Keine Sorge: Auf der Tour nächstes Jahr ist diese Etappe in drei Abschnitte geteilt. Auf der Provinzstraße ist es ein kleiner Umweg, aber wer weiß, vielleicht dürfen wir ja wieder auf die 579. Die Telefonnummer der Polizeistelle ist abgespeichert!

Diese Erkundung bereitet die Tour MYTHOS SEIDENSTRASSE vor, die im Frühjahr 2027 stattfindet. Die Tour ist gesichert, von den zehn Plätzen für die Gesamttour sind bereits vier vergeben. 

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