Erkundung Seidenstraße
Ach wie gut es rollt! Leidlich guter Asphalt, Wind von hinten, und es scheint wahr zu sein, es führt tatsächlich die alte Nationalstraße 314 parallel zur Autobahn, auf der ich entgegen anders lautenden Aussagen der Polizei in Korla nicht fahren darf. Es ehrlich gesagt auch nicht möchte, wenn ich den steten Strom der LKWs so sehe.
Und so sause ich 25 Kilometer gut gelaunt vor mich hin, bis die Straße an einer Autobahnauffahrt einfach aufhört. „In China gibt es immer eine Straße!“, hatte der Selfie-Polizist von gestern mir versichert. Parallel zur Autobahn IMMER eine National- oder Provinzstraße. Nun, hier schon einmal nicht.
Also Plan B, etwas weiter südlich führt eine Provinzstraße quer durch die Wüste. Ein kleiner Umweg, aber vielleicht findet sich auch eine Unterkunft nach gut 100 Kilometern! Gaode-Maps, das chinesische Pendant zu Google Maps, das nebenbei bemerkt für China komplett nutzlos ist, zeigt mir einen direkte Verbindung zur Wüstenstraße, das ist dann noch nicht einmal ein großer Umweg. Ich rolle entspannt auf dem breiten schattigen Radwegen neben der sechsspurigen, neu gebauten Prachtstraße ins Nirgendwo. Überall wird gebaut, es entstehen neue Stadtviertel, neue Städte, wie mir scheint. Worum das alles?
Die Antwort bekomme ich an einer Sicherungsschleuse, die sich quer über die Straße zieht. „Fabrikgelände, für Außenstehende verboten!“, klärt mich der blutjunge Polizist freundlich, aber bestimmt auf. „Und wie komme ich jetzt auf die Provinzstraße Richtung Luntai?“ „Da musst Du zurück in die Stadt!“
Na herzlichen Dank! Als ich wieder in Tianmenguan Stadt bin (nicht zu verwechseln mit dem Tianmenguan von gestern!) und rechts auf die Provinzstraße einbiegen möchte, erwartet mich eine erneute Straßensperre. Hier wird die Straße neu gebaut, vom 27.04.2026 bis zum 17.06.2027, steht auf dem großen Schild am Straßenrand. Im Zuge dessen wird auch die Nationalstraße parallel zur Autobahn neu gestaltet, lese ich. Zwei Tage früher, dann hätte ich hier noch durchfahren können. Genau die zwei Tage, die mich bei der Anreise die Unzuverlässigkeit von Air Astana gekostet hat. „Tamade!“, fluche ich auf Chinesisch. Leser meiner Bücher wissen, was das bedeutet.
Eine Viertelstunde berate ich noch mit dem jungen Mann und der alten Frau, die dafür sorgen, dass kein Unbefugter auf die Baustelle einbiegt. Die beiden geben sich unheimlich Mühe, einen Weg für mich zu finden. „Du musst wieder zurück, bis die Nationalstraße aufhört, und dann, pass gut auf, über die Autobahnbrücke, dann links, dann gibt es da ein paar Schleichwege, die findest Du schon, die Anwohner finden immer einen Weg, notfalls fragst Du, aber es ist nicht schwierig, eigentlich von dort erst Richtung Eisenbahn, dann im Dorf links, rechts, ein paar Kilometer geradeaus, schaffst Du schon!“, erklärt mir enthusiastisch die alte Dame.
Ne, schaffe ich nicht, es sind ja noch 120 Kilometer, 70 bin ich schon im Kreis gefahren, es ist 14 Uhr, da ist mir eine Fahrt ins Ungewisse zu heikel. Ich bedanke mich ausführlich und radle in mein Hotel zurück. Der Manager wundert sich kaum, dass ich wieder auf der Matte stehe, ruft einen Freund an, ob der nicht einen Transport inklusive Fahrrad besorgen könne.
„Ja, genau der deutsche Radfahrer, der gestern Fleischspieße auf dem Nachtmarkt gegessen hat“, klärt er seinen Gesprächspartner auf.
Nach einer halben Stunde Wartezeit bringt mich Herr Shi, ein Angehöriger der muslimischen Hui-Minorität, nach Luntai. Er beherrscht das „Auf-der-linken-Spur-fahren-und-dabei-telefonieren“ genauso gut wie Hamudi. Sobald wir die Autobahn verlassen haben, setzt er auf der Nationalstraße noch ein „Bei- Gegenverkehr-Überholen“ hinzu. Auf der Seitenablage türmt sich frischer Knoblauch, vielleicht hält das ja die bösen Unfallgeister ab. Alles in allem fährt er aber deutlich sicherer als Hamudi und bringt mich bis ins Hotel in Luntai.
„Ach der deutsche Radfahrer! Guten Tag Herr He!“, begrüßt mich die Rezeptionistin. So langsam wird es unheimlich.
Diese Erkundung bereitet die Tour MYTHOS SEIDENSTRASSE vor, die im Frühjahr 2027 stattfindet. Die Tour ist gesichert, von den zehn Plätzen für die Gesamttour sind bereits vier vergeben.


